Toleranz, Resistenz und die Geschichte von Alice im Wunderland
Wird sich die Varroamilbe von dem Termin 2033 beeindrucken lassen? („Satirische KI-Illustration“ generiert mit OpenAI / ChatGPT-Bildgenerator)
Autor: Bernd Meierhofer
„Rote Königin“-Hypothese
Den Anfang soll eine Geschichte über Alice im Wunderland machen. Eigentlich geht es nicht um das Kinderbuch „Alice im Wunderland“, sondern um das zweite Kinderbuch von Lewis Carroll, welches den Titel „Alice hinter den Spiegeln“ trägt und 1871 veröffentlicht wurde. In diesem Werk erlebt Alice eine Reihe neuer Abenteuer und trifft dabei auf die schwarze Königin, die im Englischen auch als rote Königin bezeichnet wird. Im Rahmen einer gemeinsamen Partie Schach erhält Alice von ihr den Rat: Hierzulande musst du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst“.
Dieser Rat steht auch für einen grundlegenden Erklärungsansatz in der Evolutionsbiologie, welcher vom Evolutionsbiologen Leigh Van Valen aufgegriffen und auch als „Rote Königin“-Hypothese bezeichnet wurde. Um dauerhaft existieren zu können, müssen sich alle Arten von Lebewesen ständig verändern und an ihre variable Umwelt anpassen. Bezogen auf unsere Bienen bedeutet dies, dass zwischen Wirt (Biene) und Parasit (Varroamilbe) ein ständiges evolutionäres Wettrüsten (auch als Koevolution bezeichnet) stattfindet. Es ist für beide Seiten essenziell, eine kontinuierliche Weiterentwicklung zu erzielen, um ein konstantes Niveau aufrechtzuerhalten. Leider kommt im Falle der Varroamilbe noch ein weiterer, nicht zu vernachlässigender Aspekt hinzu: die in den Bienenvölkern vorhandenen Bienenviren. Diese bleiben bei der Übergabe von Nahrung und Körperkontakt zwischen den Bienen relativ harmlos, können sich aber durch die direkte Übertragung beim Saugen der Milben an den Bienen extrem stark vermehren. Bienen, Varroamilben und Viren beeinflussen sich also ständig gegenseitig, weshalb man hier auch von einem Spannungsdreieck sprechen kann.
Mit unseren imkerlichen Behandlungen (medikamentös und biotechnisch) versuchen wir, die Bienen von ihrem Leiden zu befreien. Als verantwortungsvolle Tierhalter sind wir dazu auch verpflichtet. Da sich die Varroamilbe durch menschliches Zutun weltweit so stark verbreiten konnte, haben wir in gewisser Form auch die moralische Verpflichtung, unsere Bienen im Kampf gegen diesen Parasiten zu unterstützen. Wir müssen die Suppe auslöffeln, die wir uns selbst eingebrockt haben. Zu hoffen, dass unsere Bienen mit den von uns geschaffenen Problemen irgendwann selbst zurechtkommen werden, grenzt da schon an Zynismus.
Durch unsere Behandlungen werden möglicherweise Bienenvölker am Leben erhalten, deren Genetik aus Sicht ihrer Vitalität und Krankheitsbeständigkeit eigentlich vor einer Weitergabe an die Folgegenerationen ausgeschlossen werden sollte. Zum Glück fokussiert sich die imkerliche Selektion in der Zucht aber nicht nur auf einen Aspekt, sondern betrachtet verschiedene Aspekte und versucht, diese zu gewichten. Solche „kränklichen Bienenvölker” fallen also auf und werden aus anderen Folgegründen ausselektiert.
In gewisser Weise arbeiten wir Imker dem natürlich stattfindenden Ausgleich zw. Bienen, Varroamilbe und Viren entgegen. Einerseits müssen wir verhindern, dass die Bienen zunehmend von menschlicher Hilfe abhängig werden bzw. die Milben Resistenzen gegen die Behandlungsmittel entwickeln, andererseits müssen wir aber auch unsere Bienen als Nutztier erhalten. Es hängt also davon ab, wie verantwortungsvoll wir diese Selektion lenken.
Toleranz oder Resistenz
In der Imkerschaft werden die Begriffe „Toleranz“ und „Resistenz“ häufig für Varroa-Zuchtziele verwendet. Dabei werden diese zwei Fachbegriffe sehr ungenau angewendet.
Resistenz: Die Widerstandskraft eines Wirtsorganismus gegen den Befall oder die Ausbreitung eines Parasiten (oder Krankheitserregers). Ein resistenter Wirt kann die Infektion verhindern oder den Parasiten effektiv bekämpfen, was zu einer verringerten Parasitenlast (Anzahl der Parasiten) führt.
Toleranz: Die Fähigkeit eines Wirtsorganismus, trotz einer Infektion mit Parasiten (hohe Parasitenlast) gesund zu bleiben und nur geringe Schäden davonzutragen.
Anders ausgedrückt: Während Resistenz die Anzahl der Parasiten reduziert, reduziert Toleranz die Auswirkungen des Parasiten auf die Gesundheit des Wirtes.
Im Falle einer Varroa-Resistenz könnte sich die Varroamilbe weniger gut vermehren. Im Falle einer Varroa-Toleranz könnten die Bienen mit einer bestimmten Varroa-Belastung leben, ohne zusammenzubrechen. In beiden Fällen lebt die Varroamilbe aber in den Bienenstöcken weiter.
Diese Unterscheidung mag für manche egal oder übertrieben erscheinen, doch es ist wichtig, den Unterschied zu verstehen. Denn daraus ergeben sich unterschiedliche Zielsetzungen und Maßnahmen.
Langfristig könnte sich ein ökologisches Gleichgewicht zwischen Biene und Varroa einstellen, zumindest in Bezug auf die westliche Honigbiene Apis mellifera und die Milbe Varroa destructor. Da lohnt auch ein Vergleich mit dem ursprünglichen Wirt der Varroamilbe, der Apis cerana in Asien. Dort bleiben die Milbenpopulationen klein und stabil und die Schäden im Bienenvolk bleiben gering.
Arbeitsgemeinschaft Toleranzzucht
Seit 2003 gibt es in Deutschland den gemeinnützigen Verein „Arbeitsgemeinschaft Toleranzzucht“, kurz AGT, welche sich der Auslese krankheitsresistenter, leistungsfähiger und sanftmütiger Bienen verschrieben hat. Die AGT hat ihren Sitz beim Bieneninstitut in Kirchhain und ist vor allem durch ihr Methodenhandbuch bei Züchtern bekannt, das seit 2013 in einer zweiten Auflage verfügbar ist. Es ermöglicht die Auslese von Bienenvölkern nach wissenschaftlich fundierten Methoden und einheitlichen Prüfkriterien. Gerade in der Tierzucht ist es notwendig, dass ständig Daten erfasst und ausgewertet werden, damit in Folge wichtige Zuchtentscheidungen nach objektiven Kriterien getroffen werden können.
Um der Varroa-Problematik zu begegnen, kümmert sich die AGT unter anderem um den Aufbau und die Betreuung von sogenannten „Toleranzbelegstellen“.
Varroaresistenz 2033
Im Jahr 2022 wurde die Bewegung „Varroaresistenz 2033” von der Gemeinschaft der europäischen Buckfastimker e.V., dem deutschen Imkerbund, dem deutschen Berufsimkerbund, der AGT und dem Bundesverband Dunkle Biene Deutschland e.V. ins Leben gerufen. Das Ziel dieses Projekts besteht darin, bis zum Jahr 2033 eine varroaresistente Honigbienenpopulation in Europa flächendeckend zu etablieren. Für den Inhalt der Website „varroaresistenzprojekt.eu“ ist der Verband „Gemeinschaft der europäischen Buckfastimker e.V.“ verantwortlich.
Wie auch der Namensgebungen der „Arbeitsgemeinschaft Toleranzzucht“ und der „Varroaresistenz 2033“-Bewegung zu entnehmen ist, dürften auch hier die beiden Fachbegriffe ungenau angewendet worden sein, zumal beide Organisationen sicherlich auf das Zusammenspiel von Toleranz und Resistenz hoffen werden.
Das Varroaresistenz 2033 Projekt präsentiert sich mit einem klaren Ziel, dass eine varroaresistente Honigbienenpopulation in Europa flächendeckend bis 2033 etabliert werden soll. Wenn man sich aber nicht sofort von dieser Suche nach dem heiligen Gral der Imkerschaft – Varroaresistenz und behandlungsfreie Imkerei – beeindrucken lässt, sondern mehr darüber nachdenkt, ergeben sich folgende Zweifel:
- Projekt oder Vision/Initiative, Risikomanagement, Verantwortung und die Zeit nach 2033: Handelt es sich hierbei um ein Projekt mit konkreten Zielen oder um eine Vision/Initiative? Ziele müssten konkret formuliert sein, messbar, mit klaren Maßnahmen verbunden und eher kurzfristig sein. Eine Vision/Initiative wäre hingegen allgemein formuliert, etwas Langfristiges mit inspirierendem bzw. motivierendem Charakter. Eine Vision gibt also die Richtung vor und Ziele wären die Meilensteine auf dem Weg dorthin. Auf der Homepage findet man einen allgemeinen Aufruf an alle europäischen Imker sowie an Organisationen, die mit Imkern zusammenarbeiten, sich am Projekt zu beteiligen und Teil der Bewegung zu werden – ohne zu konkretisieren, wie dieser gemeinsame Weg bis 2033 geplant ist. Also doch mehr eine Vision/Initiative als ein konkretes Projekt?
Aber egal, ob man es nun als Projekt oder Vision/Initiative sieht, sollte man sich auch über Ausstiegsstrategien Gedanken machen (Teil einer guten Projektplanung und des Risikomanagements). Was passiert, wenn das Ziel oder gesetzte Teilziele nicht erreicht werden und 2033 unsere Bienen immer noch nicht varroaresistent oder varroatolerant sind bzw. dieses Ziel immer unrealistischer wird? Würden wir auf züchterische Maßnahmen (künstliche Besamung, Ein-Drohn-Besamung, Impfen von Bienenstöcken mit Varroamilben etc.), welche derzeit im Namen der Varroaresistenzzucht als notwendig erachtet werden, wieder verzichten? Würden wir nach 2033 einfach weitermachen wie davor? Wer trägt letztlich die Verantwortung, wenn sich herausstellt, dass diese Maßnahmen den Bienen und der Umwelt mehr geschadet als genutzt haben? Oder im positiven Sinne, was wäre ein konkretes Ende und was passiert mit den Arbeitsergebnissen? - (Projekt)umfang: Europa als geografischer Kontinent umfasst 46 Staaten, während die Europäische Union (EU) als politisch-wirtschaftlicher Zusammenschluss aktuell 27 Mitgliedstaaten enthält. Da sich Bienen nicht an Grenzen halten, ist mit einer flächendeckenden, varroaresistenten Honigbienenpopulation für Europa vermutlich eher der geografische Kontinent gemeint. Betrachtet man die Übersicht der Varroaresistenzzuchtgruppen und -belegstellen auf der Homepage des „Varroaresistenz 2033“-Projekts, wird man feststellen, dass diese – mit wenigen Ausnahmen – im deutschsprachigen Raum liegen. Wenn bis 2033 die Imkerinnen und Imker in ganz Europa angesprochen und zu konkreten Maßnahmen bewegt werden sollen, erscheint das gesteckte Ziel doch als zu „sportlich“ und eher unrealistisch. Aber auch die 27 EU-Mitgliedstaaten als Projektumfang erscheinen als zu umfangreich.
- Projektziel:
Auf der Homepage des Varroaresistenz 2033 Projekts steht: „Sie vereinbarten, alle Kraft für das Erreichen des Ziels einzusetzen, eine varroaresistente Honigbienenpopulation flächendeckend zu etablieren.“ Was versteht man unter einer flächendeckenden, varroaresistenten Honigbienenpopulation? Als Population wird eine Gruppe von Individuen derselben Art definiert, die zur gleichen Zeit in einem bestimmten Gebiet leben und sich untereinander fortpflanzen können. In Europa gibt es nicht nur eine einzige Honigbienenpopulation, sondern mehrere regional angepasste Populationen bzw. Unterarten der Westlichen Honigbiene (Apis mellifera).
Allein in Österreich gibt es vier Klimazonen, die sich stark unterscheiden. Sie werden nach Niederschlagsmenge und Frühlingsbeginn klassifiziert: mitteleuropäisches Übergangsklima, pannonisches Klima, illyrisches Klima und alpines Klima. Vor einigen Jahren versuchte die ACA (Austrian Carnica Association) unter der Leitung von Dr. Martin Kärcher die Leistungsprüfung der Carnica-Königinnen nach diesen Klimazonen zu unterteilen.
Unsere Bienenpopulationen haben sich über Jahrtausende an unterschiedliche Klimazonen und Landschaften angepasst. Diese regional angepassten Populationen bzw. Unterarten müssen auch unbedingt erhalten bleiben. Es bedarf also eigentlich einer verstärkten Selektion auf günstige Eigenschaften gegen die Varroamilbe innerhalb der regionalen Populationen. Dies wird von den regionalen Zuchtorganisationen aber ohnehin schon seit Jahrzehnten durchgeführt. Auch wenn die europäische Population durch das Zutun der Imkerschaft sich in den letzten Jahrzehnten einem größeren Austausch befand als dies natürlicherweise der Fall gewesen wäre, sind diese imkerlichen Praktiken mit dem heutigen Wissen über die lokalen Anpassungen der Bienen und die Verbreitung von Krankheiten sehr kritisch zu sehen und eigentlich gänzlich zu vermeiden.
Das Projekt „Varroaresistenz 2033” müsste somit auch viele Teilziele definieren, die diesem Bestreben Rechnung tragen. Es gibt in diesem Zusammenhang auch einige Gesetze und Bestimmungen, welche die regionalen Populationen schützen. In Slowenien wird beispielsweise die Kärntner Biene (Apis mellifera carnica) schon seit Jahrhunderten gezüchtet.
Da einige Teilnehmer von „Varroaresistenz 2033” planen, die Genetik von hochprozentig varroaresistenten Völkern über offene Begattungsstände ins Land zu tragen – dabei spielt die Bienenrasse keine Rolle – stellt sich die Frage, wer solche Entscheidungen trifft bzw. treffen darf.
Mit ihrer Reproduktionsgeschwindigkeit hat die Varroamilbe eindeutig die besseren Karten („Satirische KI-Illustration“ generiert mit OpenAI / ChatGPT-Bildgenerator)
- „Rote Königin“-Hypothese: Die Geschichte von Alice und der roten Königin. Wer sich länger mit Bienen beschäftigt, stellt schnell fest, wie anpassungsfähig sie sind. Sie halten ihre Brutnesttemperatur trotz schwankender Außentemperaturen stets konstant bei 34 Grad Celsius, erschaffen durch unterschiedliches Futter unterschiedliche Bienenwesen, treffen Entscheidungen stets zugunsten des Gesamtvolkes, etc. Sie existieren schätzungsweise auch schon seit rund 100 Millionen Jahren auf der Erde. Es ist davon auszugehen, dass die Parasiten auch ähnliche Anpassungsfähigkeiten besitzen. Eine komplette Ausrottung der Varroamilbe wird uns vermutlich nicht gelingen, da dies bei Parasiten mit vielen Wirtstieren und Dauerstadien (Entwicklungsformen, die es dem Parasiten ermöglichen, widrige Umweltbedingungen zu überstehen ohne den Wirt sofort zu töten) fast unmöglich ist. Streng betrachtet hat die Varroamilbe gegenüber unseren Honigbienen sogar noch einen wesentlichen evolutionären Vorteil. Ihre Reproduktionsgeschwindigkeit ist wesentlich höher als die der Bienen. Die Milbe hat kann mehrere Generationen pro Jahr hervorbringen und kann sich somit unter Selektionsdruck wesentlich schneller anpassen als die Biene (würde man von einem jährlichen Schwarm ausgehen, würden die Bienen jedes Jahr eine neue Generation hervorbringen. Da das Schwärmen aber von den Imkern unterdrückt wird, liegt die Reproduktionsrate der Bienenvölker vielleicht sogar nur bei 2-3 Jahren). Und durch die Geschwisterpaarung (Inzucht) innerhalb der Brutzelle kann die Varroamilbe erfolgreiche Genkombinationen sogar schnell fixieren. Die Varroa kann sich somit innerhalb weniger Jahre anpassen, während die Biene dafür viele Jahre bzw. Jahrzehnte benötigt um genetisch nachziehen zu können.
Langfristig wird sich vermutlich ein evolutionäres Gleichgewicht entwickeln, welches aber auch nach 2033 permanenten Veränderungen ausgesetzt sein wird. Anders ausgedrückt: Wir können so schnell laufen, wie wir können. Wir werden aber am gleichen Fleck bleiben. - Die Geschichte von der behandlungsfreien Imkerei: jede Imkerin und jeder Imker – insbesondere die Neueinsteiger – träumen von einer behandlungsfreien Imkerei. Aber was ist eine behandlungsfreie Imkerei überhaupt? Eine Imkerei, bei der sich der Imker nur um die Ernte der diversen Bienenprodukte kümmern muss oder nur der Verzicht auf die diversen Varroazide? Ein Blick in die Geschichtsbücher der Zuchtvereine zeigt, dass auch schon vor der Varroamilbe die Bienenvölker mit diversen Mitteln, welche inzwischen auch nicht mehr zugelassen sind, behandelt wurden. Vor der Verbreitung der Varroamilbe kämpften die Imkerinnen und Imker in unseren Breiten insbesondere gegen die Nosemose (Darmerkrankung verursacht durch die Kleinsporentierchen Nosema apis) und die Tracheenmilbe. Ist nicht auch jede zusätzliche Fütterung der Bienen, wenn sie in der Natur nicht ausreichend Nahrung finden oder die Imker ihnen den gesamten Futtervorrat entziehen oder jedes Aufpäppeln mit zusätzlichen Proteinen und Vitaminen (spezielle Futterteige), als eine Form der Behandlung zu betrachten? Imkerinnen und Imker sind als Tierhalter dazu verpflichtet, sich um das Wohl ihrer Bienenvölker zu kümmern. Dabei wird es auch immer wieder neue Krankheiten, Parasiten und Bedrohungen für unsere Bienen geben, an die wir uns auch als Imker stets anpassen müssen. Behandlungsfrei wird es nie werden. Wir sollten stets eine möglichst behandlungsarme Imkerei anstreben und andere Möglichkeiten als den Einsatz von Medikamenten – sofern sie existieren – stets in den Vordergrund rücken.
- Die Varroamilbe ernährt sich vom Fettkörper der Bienen: Dies wurde von dem amerikanischen Entomologen (Insektenforscher) Dr. Samuel Ramsey (Professor an der staatlichen Universität in Boulder im US-Bundesstaat Colorado) erforscht und bestätigt (Quelle: Podcast „Dr. Samuel Ramsey: The Honey Bee Fat Body and the Varroa Mite“ [2]). Die bisherigen Vermutungen, dass die Varroamilbe sich auch vom Blut der Bienen ernähren könnte, wurden von ihm widerlegt.Seine Arbeitsergebnisse werden derzeit bei uns noch zu wenig beachtet, obwohl sie die heutige Imkerei und die bisherigen Varroamaßnahmen grundlegend verändern würden. Der Fettkörper ist ein zentrales Organ der Biene, das mit der Leber und dem Fettgewebe von Wirbeltieren vergleichbar ist. Er dient zur Entgiftung, zur Energiespeicherung, zur Immunabwehr und zur Produktion wichtiger Proteine, beispielsweise für die Überwinterung. Somit sind Schädigungen dieses Organs viel gravierender als gedacht. Sie führen zu einem geschwächten Immunsystem, zu einer höheren Virusanfälligkeit (z. B. Deformed Wing Virus) und somit zu einer reduzierten Lebenserwartung – insbesondere der eigentlich langlebigen Winterbienen. D.h. die Varroabehandlung unserer Bienen muss vollständig auf die Bildung gesunder Winterbienen (Bienen mit einer Lebensdauer von 4–6 Monaten und einem großen, gut entwickelten Fettkörper) ausgerichtet sein. Die Winterbienen müssen möglichst „varroaarm“ aufgezogen werden. Unsere heimischen Honigbienen beginnen die Aufzucht ihrer Winterbienen typischerweise Ende Juli bis Mitte August (Schlupf ab Mitte August). Dies ist nun die kritischste Phase für etwaige Varroa-Folgeschäden.
Um möglichst fette Winterbienen zu bilden, muss die Varroabelastung bereits im Frühjahr gering gehalten werden. Zudem müssen stets gesunde Ammenbienen für die Aufzucht der Bienenbabys zur Verfügung stehen.
Aber auch für die Aufzucht von fitten Drohnen ist es notwendig, dass Milbenlast im Frühjahr gering ist. Ist die Milbenzahl bereits im Frühjahr hoch, können diverse imkerliche Eingriffe Abhilfe schaffen (z.B.: Drohnenrahmen einsetzen und alle 2-3 Wochen die Drohnenbrut schneiden oder Ablegerbildung). Ist die Milbenbelastung nach der Honigernte hoch, muss gleich nach der Honigernte (Juli) eine frühe und konsequente Sommerbehandlung durchgeführt werden. Schön wäre es natürlich, wenn die Bienen die Milbenlast vom Frühjahr bis zur Honigernte selbst möglichst geringhalten würden. Deshalb ist es wichtig, dass die Imker Aufzeichnungen über die Milbenbelastung führen und diese Daten für die Selektion ihrer Bienenvölker heranziehen. Imker müssen sich stets die Frage stellen, welche Genetik ihrer Bienenvölker sie weitergeben möchten. Jede aufpäppelnde Maßnahme ist eigentlich ein Hinweis, dass diese Genetik nicht weitergeben werden sollte. Für Züchter ist diese Vorgehensweise aber ohnedies selbstverständlich.Für die Bildung eines guten Fettkörpers ist es auch notwendig, dass unsere Bienen eine gute Ernährung in Form eines vielfältigen Pollenangebots (Proteine) vorfinden. Auch die Zusammensetzung des Futters hat eine Auswirkung auf die Varroamilben, wie auch beim Vortrag von Dr. Bannert in Bad Reichenhall (Quelle: [4] Vortrag von Dr. Michael Bannert über Bienengesundheit und Pflanzeninhaltsstoffe in Zeiten des Klimawandels) zu hören war (beispielsweise haben der Duftstoff Linalool und der Nektar bzw. der Pollen von Sonnenblumen eine akarizide Wirkung).
Die Bildung von Winterbienen lässt sich an den Bienenvölkern erkennen, wenn z.B.: das Brutnest wieder kompakter und kleiner wird (weniger offene Brut), die Bienen ruhiger werden, die Königin langsam die Legetätigkeit reduziert, der Wabenbau und der Nektareintrag weniger werden etc.
Vor diesem Hintergrund erscheint auch das von Dr. Pia Aumeier entwickelte „Teilen-und-Behandeln“-Konzept (Quelle: [3] „Beschreibung der Teilen und behandeln Methode“) in einem neuen Licht. Es fällt genau in die wichtige Phase der Bildung der Winterbienen und sorgt durch die Trennung von befallener Brut und adulten Bienen für eine optimale Vorbehandlung der Ammenbienen für die Produktion der Winterbienen.
Derzeit konzentrieren sich die Bemühungen zur Varroa-Toleranz hauptsächlich auf die Reproduktionsphase der Varroamilben in den Brutzellen, nicht jedoch auf die phoretische Phase der erwachsenen Milben. Also jener Phase, wo die Milben auf den erwachsenen Bienen sitzen, am Fettkörper der Bienen saugen und sich von Stock zu Stock verbreiten. Dabei wäre dies jedoch jene Phase, welche dafür sorgt, dass die Milben gut genährt in die Bienenzellen schlüpfen und sich dort vermehren können. Also jene Phase, welche maßgeblich die Vitalität der Milben bestimmt. - Gibt es nicht schon Bienenpopulationen, welche auch ohne Behandlungen die Belastung mit der Varroamilbe überleben?
Zur Beantwortung dieser Frage wird oftmals auf die Studie „Natural Varroa mite-surviving Apis mellifera honeybee populations“ [1] von Barbara Locke ( Swedish University of Agricultural Sciences, Uppsala) verwiesen. Diese Studie gibt sehr interessante Einblicke in unterschiedliche Bienenpopulationen (Apis mellifera scutelatta in Brasilien und in Südafrika, Apis mellifera ligustica auf der Insel Fernando de Noronha vor Brasilien, die Primorsky-Bienenpopulation an der Ostküste Russlands, die Bienenpopulation auf der Insel Gotland in Schweden, eine Bienenpopulation in Avignon in Frankreich und die Bienenpopulation im Arnot Forest in der Nähe von Ithaca, New York (Forschungs- und Lehrwald der Cornell University)), welche trotz der Varroamilbe selbst am Leben bleiben. Bevor man jedoch in Euphorie verfällt, sollte man jedoch die Studie lesen und sich selbst eine Meinung bilden. Einige dieser Bienenpopulationen befinden sich in Gebieten, die für sie absolut fremd sind. Andere kämpfen mit einem anderen genetischen Typen der Varroamilbe (Japan-Typ und nicht Korea-Typ) und wiederum andere zeigen Eigenschaften, die eine sinnvolle imkerliche Verwendung sehr unwahrscheinlich erscheinen lassen. Was der Bericht aber klar aufzeigt, sind imkerliche Eingriffe, welche im Gegensatz zu diesen evolutionären Veränderungen im Sinne von varroabeständigen Bienen stehen bzw. diese verzögern könnten. Die Reihenaufstellung vieler Bienenvölker an einem Standort, der Austausch von Material (Rähmchen und Zargen) zwischen den Bienenvölkern oder die Unterdrückung/Verhinderung des Schwarmverhaltens sind Maßnahmen, welche der Bienengesundheit wenig förderlich sind und dem Streben nach varroabeständigen Bienen entgegenwirken. Imker sollten über diese Problematik nachdenken und ihre Arbeitsweise überdenken. Werden die Bienenköniginnen zum Verhindern von Schwärmen alle zwei Jahre getauscht, könnte man beispielsweise auch überlegen, mit diesem Tausch auch das Wabenmaterial und die Beute komplett auszutauschen. Damit käme der Eingriff einem natürlichen Schwarm sehr nahe, das Bienenvolk würde ein neues, sauberes Zuhause bekommen und wie bei einem Schwarm würde die herbeigeführte Brutunterbrechnung die Varroabelastung zu einem Zeitpunkt drastisch reduzieren, wo sie für die Bildung der wertvollen Winterbienen essentiell wäre.
Was bedeutet dies nun für uns als Carnica-Zuchtgruppe?
Eigentlich nicht viel. Wir werden unseren seit Jahrzehnten – wir durften erst im letzten Jahr das 50jährige und 60jährige Bestehen unserer Belegstellen feiern – eingeschlagenen Zuchtweg beibehalten und weiterhin versuchen die Genetik unserer heimischen Carnica-Population in Form einer natürlichen Linien-Reinzucht (natürliche Begattung auf unseren Belegstellen) zu erhalten. Die Gesundheit unserer Bienen stellt das oberste Gebot dar, während andere Zuchtziele wie der Honigertrag, Sanftmut und Wabensitz eine untergeordnete Rolle spielen. Deshalb werden wir auch sicherlich die neuesten Erkenntnisse von Dr. Samuel Ramsey in unsere Arbeit mit den Bienen einfließen lassen. Das Aufzeichnen von Daten, damit in Folge auch nach objektiven Kriterien selektiert werden kann, gehört ohnehin zum Handwerkszeug eines jeden Bienenzüchters. Wir sind es gewohnt, auf unterschiedliche Zuchtziele zu selektieren. Somit stellt das Erfassen der Varroa-Daten als zusätzliches Selektionskriterium keine wesentliche Veränderung für uns dar. Ob diese Daten in Folge brauchbar sind bzw. zu einer merkbaren Varroa-Toleranz unserer Bienen führen werden, wird sich bei den jährlichen Leistungsprüfungen zeigen. Dies ist aber „Business as usual“. Das Jahr 2033 kommt sicher.
Eine einzige, flächendeckend in Europa vorkommende varroaresistente Honigbienenpopulation wird hoffentlich nie kommen, da wir an die regional angepassten Honigbienenpopulationen glauben und von deren Vorteile überzeugt sind.
Aber selbst einzelne, stabile varroatolerante/ varroaresistente Populationen erachten wir bis 2033 als sehr unwahrscheinlich. Wir bemühen uns jedenfalls weiterhin um eine gesunde, regional-angepasste Carnica-Biene. Natürlich werden wir auch versuchen ihre varroatoleranten Merkmale zu erkennen und züchterisch zu selektieren. Wir werden auch wie bisher versuchen unser Wissen über die Selektion an die breite Imkerschaft weiterzugeben, damit medikamentöse Behandlungen auf das notwendige Minimum reduziert werden können.
Unter den Lesern, die bis hierhin durchgehalten haben, wird es vermutlich einige geben – insbesondere jene, die sich dem Projekt „Varroaresistenz 2033“ mit Herz und Seele verschrieben haben –, die die Situation anders beurteilen würden. Manch einer wird sagen, dass man das Vorhaben „Varroaresistenz 2033“ gar nicht so genau nehmen darf und es eigentlich nur dazu dient, die Imkerinnen und Imker zu motivieren.
Jede Imkerin und jeder Imker sollte sich fragen, welche imkerlichen Erwartungen – mit oder ohne einer flächendeckenden Varroaresistenz in Europa – er an das Jahr 2033 hat und was er für die Zeit danach erwartet. Es darf jedenfalls nicht passieren, dass andere wichtige Themen komplett untergehen. So dürfen beispielsweise Wildbienen, andere Bestäuberinsekten oder gar lokale Populationen unserer Honigbienen nicht unbemerkt verschwinden, nur weil wir uns vollständig auf eine Varroaresistenz bis 2033 fokussieren und den Großteil unserer Zeit und Ressourcen dafür verwenden. Der Klimawandel und das Artensterben sowie ihre Ursachen und Auswirkungen werden die Imkerei vermutlich viel härter treffen. Diesen Themen sollten wir uns daher verstärkt auch als Imker widmen.
Denn wichtiger, als Dinge richtig zu tun, ist es, die richtigen Dinge zu tun.
Quellen / weiterführende Links:
[1] Natural Varroa mite-surviving Apis mellifera honeybee populations
https://link.springer.com/article/10.1007/s13592-015-0412-8
[2] Podcast – Dr. Samuel Ramsey: The Honey Bee Fat Body and the Varroa Mite
https://www.beekeepingtodaypodcast.com/videos/dr-samuel-ramsey-the-honey-bee-fat-body-and-the-varroa-mite-015/
[3] Dropbox von Dr. Pia Aumeier – Pias Dropbox – 2020 Pias Monatsbetrachtungen – „2020_7 Die neue Bienenzucht.pdf“ – „Beschreibung der Teilen und behandeln Methode“
https://www.piaaumeier.de/
[4] Vortrag von Dr. Michael Bannert über Bienengesundheit und Pflanzeninhaltsstoffe in Zeiten des Klimawandels
https://imker-aigen.at/index.php/2026/03/21/bienengesundheit-und-pflanzeninhaltsstoffe/




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