Toleranz, Resistenz und die Geschichte von Alice im Wunderland
„Rote Königin“-Hypothese
Den Anfang soll eine Geschichte über Alice im Wunderland machen. Eigentlich geht es nicht um das Kinderbuch „Alice im Wunderland“, sondern um das zweite Kinderbuch von Lewis Carroll, welches den Titel „Alice hinter den Spiegeln“ trägt und 1871 veröffentlicht wurde. In diesem Werk erlebt Alice eine Reihe neuer Abenteuer und trifft dabei auf die schwarze Königin, die im Englischen auch als rote Königin bezeichnet wird. Im Rahmen einer gemeinsamen Partie Schach erhält Alice von ihr den Rat: Hierzulande musst du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst“.
Dieser Rat steht auch für einen grundlegenden Erklärungsansatz in der Evolutionsbiologie, welcher vom Evolutionsbiologen Leigh Van Valen aufgegriffen und auch als „Rote Königin“-Hypothese bezeichnet wurde. Um dauerhaft existieren zu können, müssen sich alle Arten von Lebewesen ständig verändern und an ihre variable Umwelt anpassen. Bezogen auf unsere Bienen bedeutet dies, dass zwischen Wirt (Biene) und Parasit (Varroamilbe) ein ständiges evolutionäres Wettrüsten (auch als Koevolution bezeichnet) stattfindet. Es ist für beide Seiten essenziell, eine kontinuierliche Weiterentwicklung zu erzielen, um ein konstantes Niveau aufrechtzuerhalten. Leider kommt im Falle der Varroamilbe noch ein weiterer, nicht zu vernachlässigender Aspekt hinzu: die in den Bienenvölkern vorhandenen Bienenviren. Diese bleiben bei der Übergabe von Nahrung und Körperkontakt zwischen den Bienen relativ harmlos, können sich aber durch die direkte Übertragung beim Saugen der Milben an den Bienen extrem stark vermehren. Forscher erwarten langfristig somit ein Gleichgewicht in einem Spannungsdreieck aus Bienen, Varroamilbe und Viren.
Durch unsere imkerlichen Behandlungen versuchen wir die natürliche Selektion zu unseren Gunsten zu lenken. Nach anfänglichen Erfolgen besteht jedoch die Gefahr, dass die Bienen zunehmend von menschlicher Hilfe abhängig werden bzw. die Milben Resistenzen gegen die Behandlungsmittel entwickeln.
Toleranz oder Resistenz
In der Imkerschaft werden die Begriffe „Toleranz“ und „Resistenz“ häufig für Varroa-Zuchtziele verwendet. Es entsteht dabei der Eindruck, dass diese beiden Begriffe synonym verwendet werden. Dies ist aber nicht korrekt.
Im Falle einer Varroa-Resistenz könnte sich die Varroamilbe kaum oder gar nicht mehr vermehren. Im Falle einer Varroa-Toleranz könnten die Bienen mit einer bestimmten Varroa-Belastung leben, ohne zusammenzubrechen.
Eine Resistenz der Biene gegenüber dem Varroa-Parasiten könnte als Sieg der Biene interpretiert werden. Die Toleranz hingegen wäre als ein Zustand des ökologischen Gleichgewichts zwischen Biene und Varroa zu verstehen. Nach dem aktuellen Stand der Forschung ist letzteres Szenario wahrscheinlicher, zumindest in Bezug auf die westliche Honigbiene Apis mellifera und die Milbe Varroa destructor. Da lohnt auch ein Vergleich mit dem ursprünglichen Wirt der Varroamilbe, der Apis cerana in Asien. Dort bleiben die Milbenpopulationen klein und stabil und die Schäden im Bienenvolk bleiben gering. Aber auch dort findet keine völlige Eliminierung der Milben statt.
Arbeitsgemeinschaft Toleranzzucht
Seit 2003 gibt es in Deutschland den gemeinnützigen Verein „Arbeitsgemeinschaft Toleranzzucht“, kurz AGT, welche sich der Auslese krankheitsresistenter, leistungsfähiger und sanftmütiger Bienen verschrieben hat. Die AGT hat ihren Sitz beim Bieneninstitut in Kirchhain und ist vor allem durch ihr Methodenhandbuch bei Züchtern bekannt, das seit 2013 in einer zweiten Auflage verfügbar ist. Es ermöglicht die Auslese von Bienenvölkern nach wissenschaftlich fundierten Methoden und einheitlichen Prüfkriterien. Gerade in der Tierzucht ist es notwendig, dass ständig Daten erfasst und ausgewertet werden, damit in Folge wichtige Zuchtentscheidungen nach objektiven Kriterien getroffen werden können.
Um der Varroa-Problematik zu begegnen, kümmert sich die AGT unter anderem um den Aufbau und die Betreuung von sogenannten „Toleranzbelegstellen“.
Varroaresistenz 2033
Im Jahr 2022 wurde die Bewegung „Varroaresistenz 2033” von der Gemeinschaft der europäischen Buckfastimker e.V., dem deutschen Imkerbund, dem deutschen Berufsimkerbund, der AGT und dem Bundesverband Dunkle Biene Deutschland e.V. ins Leben gerufen. Das Ziel dieses Projekts besteht darin, bis zum Jahr 2033 eine varroaresistente Honigbienenpopulation in Europa flächendeckend zu etablieren. Für den Inhalt der Website „varroaresistenzprojekt.eu“ ist der Verband „Gemeinschaft der europäischen Buckfastimker e.V.“ verantwortlich.
Wie auch der Namensgebungen der „Arbeitsgemeinschaft Toleranzzucht“ und der „Varroaresistenz 2033“-Bewegung zu entnehmen ist, herrscht in der Imkerschaft selbst keine klare Meinung darüber, ob Varroa-Toleranz oder Varroa-Resistenz die richtige Bezeichnung ist.
Das Varroaresistenz 2033 Projekt präsentiert sich mit einem klaren Ziel, dass eine varroaresistente Honigbienenpopulation in Europa flächendeckend bis 2033 etabliert werden soll. Wenn man sich aber nicht sofort von dieser Suche nach dem heiligen Gral der Imkerschaft – Varroaresistenz und behandlungsfreie Imkerei – beeindrucken lässt, sondern mehr darüber nachdenkt, ergeben sich folgende Zweifel:
- Ziel oder Vision, Risikomanagement, Verantwortung und die Zeit nach 2033: Handelt es sich hierbei um ein Ziel oder eine Vision? Ein Ziel muss konkret formuliert sein, messbar, mit klaren Maßnahmen verbunden und eher kurzfristig sein. Eine Vision wäre hingegen allgemein formuliert, etwas Langfristiges mit inspirierendem bzw. motivierendem Charakter. Eine Vision gibt also die Richtung vor und Ziele wären die Meilensteine auf dem Weg. Aus der Beschreibung des Projekts würde man eher auf eine Vision tippen. Auf der Homepage des Projektes findet man einen allgemeinen Aufruf an alle europäischen Imker sowie an Organisationen, die mit Imkern zusammenarbeiten, sich am Projekt zu beteiligen und Teil der Bewegung zu werden – ohne zu konkretisieren, wie dieser gemeinsame Weg bis 2033 geplant ist. Also doch mehr eine Vision als ein konkretes Ziel?
Würde man das Vorhaben als Projekt mit konkreten Zielen betrachten, müsste man sich auch über Ausstiegsstrategien Gedanken machen (Teil einer guten Projektplanung und des Risikomanagements). Was passiert, wenn das Ziel oder gesetzte Teilziele nicht erreicht werden und 2033 unsere Bienen immer noch nicht varroaresistent oder varroatolerant sind bzw. dieses Ziel immer unrealistischer wird? Würden wir den erzielten Status quo akzeptieren und uns vielleicht auch auf andere imkerliche, nicht weniger wichtige Themen (Rückgang des Nahrungsangebots für unsere Bienen, neue Parasiten/Gefahren etc.) fokussieren? Würden wir auf züchterische Maßnahmen (künstliche Besamung, Ein-Drohn-Besamung, Impfen von Bienenstöcken mit Varroamilben etc.), welche derzeit im Namen der Varroaresistenzzucht als notwendig erachtet werden, wieder verzichten? Würden wir nach 2033 einfach weitermachen wie davor? Wer trägt letztlich die Verantwortung, wenn sich herausstellt, dass diese Maßnahmen den Bienen und der Umwelt mehr geschadet als genutzt haben? - Projektumfang: Europa als geografischer Kontinent umfasst 46 Staaten, während die Europäische Union (EU) als politisch-wirtschaftlicher Zusammenschluss aktuell 27 Mitgliedstaaten enthält. Da sich Bienen nicht an Grenzen halten, ist mit einer flächendeckenden, varroaresistenten Honigbienenpopulation für Europa vermutlich eher der geografische Kontinent gemeint. Betrachtet man die Übersicht der Varroaresistenzzuchtgruppen und -belegstellen auf der Homepage des „Varroaresistenz 2033“-Projekts, wird man feststellen, dass diese – mit wenigen Ausnahmen – im deutschsprachigen Raum liegen. Wenn bis 2033 die Imkerinnen und Imker in ganz Europa angesprochen und zu konkreten Maßnahmen bewegt werden sollen, erscheint das gesteckte Ziel doch als zu „sportlich“ und eher unrealistisch. Aber auch die 27 EU-Mitgliedstaaten als Projektumfang erscheinen als zu umfangreich.
- Projektziel: Was versteht man unter einer varroaresistenten Honigbienenpopulation? Als Population wird eine Gruppe von Individuen derselben Art definiert, die zur gleichen Zeit in einem bestimmten Gebiet leben und sich untereinander fortpflanzen können. In Europa gibt es nicht nur eine einzige Honigbienenpopulation, sondern mehrere regional angepasste Populationen bzw. Unterarten der Westlichen Honigbiene (Apis mellifera). Diese haben sich über Jahrtausende an unterschiedliche Klimazonen und Landschaften angepasst. Diese regional angepassten Populationen bzw. Unterarten müssen auch unbedingt erhalten bleiben. Es bedarf also eigentlich einer verstärkten Selektion auf günstige Eigenschaften gegen die Varroamilbe innerhalb der regionalen Populationen. Dies wird von den regionalen Zuchtorganisationen aber ohnehin schon seit Jahrzehnten durchgeführt. Das Projekt „Varroaresistenz 2033” müsste somit auch viele Teilziele definieren, die diesem Bestreben Rechnung tragen. Es gibt in diesem Zusammenhang auch einige Gesetze und Bestimmungen, welche die regionalen Populationen schützen. In Slowenien wird beispielsweise die Kärntner Biene (Apis mellifera carnica) schon seit Jahrhunderten gezüchtet.
- „Rote Königin“-Hypothese: Die Geschichte von Alice und der roten Königin. Wer sich länger mit Bienen beschäftigt, stellt schnell fest, wie anpassungsfähig sie sind. Sie halten ihre Brutnesttemperatur trotz schwankender Außentemperaturen stets konstant bei 34 Grad Celsius, erschaffen durch unterschiedliches Futter unterschiedliche Bienenwesen, treffen Entscheidungen stets zugunsten des Gesamtvolkes, etc. Sie existieren schätzungsweise auch schon seit rund 100 Millionen Jahren auf der Erde. Es ist davon auszugehen, dass die Parasiten auch ähnliche Anpassungsfähigkeiten besitzen. Wenn wir Menschen hier weiter steuernd eingreifen, werden wir Teil des evolutionären Geschehens, das eigentlich auf ein ständiges Gleichgewicht abzielt. Eine komplette Ausrottung der Varroamilbe wird uns vermutlich nicht gelingen, da dies bei Parasiten mit vielen Wirtstieren und Dauerstadien (Entwicklungsformen, die es dem Parasiten ermöglichen, widrige Umweltbedingungen zu überstehen ohne den Wirt sofort zu töten) fast unmöglich ist. Es wird sich also ein evolutionäres Gleichgewicht entwickeln, welches auch nach 2033 permanenten Veränderungen ausgesetzt sein wird. Anders ausgedrückt: Wir können im Rennen für eine varroatolerante Biene so schnell laufen, wie wir können. Wir werden aber am gleichen Fleck bleiben.
- Die Geschichte von der behandlungsfreien Imkerei: jede Imkerin und jeder Imker – insbesondere die Neueinsteiger – träumen von einer behandlungsfreien Imkerei. Aber was ist eine behandlungsfreie Imkerei überhaupt? Eine Imkerei, bei der sich der Imker nur um die Ernte der diversen Bienenprodukte kümmern muss oder nur der Verzicht auf die diversen Varroazide? Ein Blick in die Geschichtsbücher der Zuchtvereine zeigt, dass auch schon vor der Varroamilbe die Bienenvölker mit diversen Mitteln behandelt wurden. Vor der Verbreitung der Varroamilbe kämpften die Imkerinnen und Imker in unseren Breiten insbesondere gegen die Nosemose (Darmerkrankung verursacht durch die Kleinsporentierchen Nosema apis) und die Tracheenmilbe. Ist nicht auch jede zusätzliche Fütterung der Bienen, wenn sie in der Natur nicht ausreichend Nahrung finden oder die Imker ihnen den gesamten Futtervorrat entziehen oder jedes Aufpäppeln mit zusätzlichen Proteinen und Vitaminen (spezielle Futterteige), als eine Form der Behandlung zu betrachten? Imkerinnen und Imker sind als Tierhalter dazu verpflichtet, sich um das Wohl ihrer Bienenvölker zu kümmern. Dabei wird es auch immer wieder neue Krankheiten, Parasiten und Bedrohungen für unsere Bienen geben, an die wir uns auch als Imker stets anpassen müssen. Behandlungsfrei wird es nie werden.
- Die Varroamilbe ernährt sich vom Fettkörper der Bienen: Dies wurde von dem amerikanischen Entomologen (Insektenforscher) Dr. Samuel Ramsey (Professor an der staatlichen Universität in Boulder im US-Bundesstaat Colorado) erforscht und bestätigt. Die bisherigen Vermutungen, dass die Varroamilbe sich auch vom Blut der Bienen ernähren könnte, wurden von ihm widerlegt. Seine Arbeitsergebnisse werden derzeit bei uns noch zu wenig beachtet, obwohl sie die heutige Imkerei und die bisherigen Varroamaßnahmen grundlegend verändern würden. Der Fettkörper ist ein zentrales Organ der Biene, das mit der Leber und dem Fettgewebe von Wirbeltieren vergleichbar ist. Er dient zur Entgiftung, zur Energiespeicherung, zur Immunabwehr und zur Produktion wichtiger Proteine, beispielsweise für die Überwinterung. Somit sind Schädigungen dieses Organs viel gravierender als gedacht. Sie führen zu einem geschwächten Immunsystem, zu einer höheren Virusanfälligkeit (z. B. Deformed Wing Virus) und somit zu einer reduzierten Lebenserwartung – insbesondere der eigentlich langlebigen Winterbienen. D.h. die Varroabehandlung unserer Bienen muss vollständig auf die Bildung gesunder Winterbienen (Bienen mit einer Lebensdauer von 4–6 Monaten und einem großen, gut entwickelten Fettkörper) ausgerichtet sein. Die Winterbienen müssen möglichst „varroaarm“ aufgezogen werden. Unsere heimischen Honigbienen beginnen die Aufzucht ihrer Winterbienen typischerweise Ende Juli bis Mitte August (Schlupf ab Mitte August). Dies ist nun die kritischste Phase für etwaige Varroa-Folgeschäden.
Für die Bildung von möglichst fetten Winterbienen ist es notwendig, dass die Varroabelastung bereits im Frühjahr gering gehalten wird (z.B. Drohnenrahmen einsetzen und alle 2-3 Wochen die Drohnenbrut schneiden oder Ablegerbildung) und gleich nach der Honigernte (Juli) eine frühe und konsequente Sommerbehandlung durchgeführt wird. Für die Bildung eines guten Fettkörpers ist es auch notwendig, dass unsere Bienen eine gute Ernährung in Form eines vielfältigen Pollenangebots (Proteine) vorfinden. Auch die Zusammensetzung des Futters hat eine Auswirkung auf die Varroamilben, wie auch beim Vortrag von Dr. Bannert in Bad Reichenhall zu hören war (beispielsweise haben der Duftstoff Linalool und der Nektar bzw. der Pollen von Sonnenblumen eine akarizide Wirkung).
Die Bildung von Winterbienen lässt sich an den Bienenvölkern erkennen, wenn z.B.: das Brutnest wieder kompakter und kleiner wird (weniger offene Brut), die Bienen ruhiger werden, die Königin langsam die Legetätigkeit reduziert, der Wabenbau und der Nektareintrag weniger werden etc.
Vor diesem Hintergrund erscheint auch das von Dr. Pia Aumeier entwickelte „Teilen-und-Behandeln“-Konzept in einem neuen Licht. Es fällt genau in die wichtige Phase der Bildung der Winterbienen und sorgt durch die Trennung von befallener Brut und adulten Bienen für eine optimale Vorbehandlung der Ammenbienen für die Produktion der Winterbienen.
Derzeit konzentrieren sich die Bemühungen zur Varroa-Toleranz hauptsächlich auf die Reproduktionsphase der Varroamilben in den Brutzellen, nicht jedoch auf die phoretische Phase der erwachsenen Milben. Also jener Phase, wo die Milben auf den erwachsenen Bienen sitzen, am Fettkörper der Bienen saugen und sich von Stock zu Stock verbreiten. Dabei wäre dies jedoch jene Phase, welche dafür sorgt, dass die Milben gut genährt in die Bienenzellen schlüpfen und sich dort vermehren können. Also jene Phase, welche maßgeblich die Vitalität der Milben bestimmt.
Was bedeutet dies nun für uns als Carnica-Zuchtgruppe?
Eigentlich nicht viel. Wir werden unseren seit Jahrzehnten – wir durften erst im letzten Jahr das 50jährige und 60jährige Bestehen unserer Belegstellen feiern – eingeschlagenen Zuchtweg beibehalten und weiterhin versuchen die Genetik unserer heimischen Carnica-Population in Form einer natürlichen Linien-Reinzucht (natürliche Begattung auf unseren Belegstellen) zu erhalten. Die Gesundheit unserer Bienen stellt das oberste Gebot dar, während andere Zuchtziele wie der Honigertrag, Sanftmut und Wabensitz eine untergeordnete Rolle spielen. Deshalb werden wir auch sicherlich die neuesten Erkenntnisse von Dr. Samuel Ramsey in unsere Arbeit mit den Bienen einfließen lassen. Das Aufzeichnen von Daten, damit in Folge auch nach objektiven Kriterien selektiert werden kann, gehört ohnehin zum Handwerkszeug eines jeden Bienenzüchters. Wir sind es gewohnt, auf unterschiedliche Zuchtziele zu selektieren. Somit stellt das Erfassen der Varroa-Daten als zusätzliches Selektionskriterium keine wesentliche Veränderung für uns dar. Ob diese Daten in Folge brauchbar sind bzw. zu einer merkbaren Varroa-Toleranz unserer Bienen führen werden, wird sich bei den jährlichen Leistungsprüfungen zeigen. Dies ist aber „Business as usual“. Das Jahr 2033 kommt sicher. Eine flächendeckend in Europa vorkommende varroaresistente Honigbienenpopulation wird vermutlich nie kommen. Vielleicht einzelne varroatolerante, regionale Bienenpopulationen. Aber auch dafür ist 2033 sehr unwahrscheinlich. Wir bemühen uns jedenfalls weiterhin um eine gesunde, regional-angepasste Carnica-Biene. Natürlich werden wir auch versuchen ihre varroatoleranten Merkmale zu erkennen und züchterisch zu selektieren.
Unter den Lesern, die bis hierhin durchgehalten haben, wird es einige geben – insbesondere jene, die sich dem Projekt „Varroaresistenz 2033“ mit Herz und Seele verschrieben haben –, die die Situation anders beurteilen würden. Bitte versteht diesen Artikel nicht als persönlichen Angriff, sondern als inhaltliches Feedback zu den aktuellen Geschehnissen. Angesichts des selbst auferlegten Drucks durch das Zieldatum 2033 sollte man trotzdem ab und zu innehalten und reflektieren. Denn wichtiger, als Dinge richtig zu tun, ist es, die richtigen Dinge zu tun.
Manch einer wird jetzt sicherlich sagen, dass man das Vorhaben 2033 gar nicht so genau nehmen darf und es eigentlich nur dazu dient, die Imkerinnen und Imker zu motivieren. Dem muss jedoch entgegnet werden, dass damit auch ein großer Verbrauch an Zeit und Ressourcen verbunden ist, die möglicherweise anderweitig eingesetzt werden könnten.
Jeder sollte sich fragen, welche Erwartungen er an das Jahr 2033 hat und was er für die Zeit danach erwartet. Es darf jedenfalls nicht passieren, dass andere wichtige Themen komplett untergehen. So dürfen beispielsweise Wildbienen, andere Bestäuberinsekten oder gar lokale Populationen unserer Honigbienen nicht unbemerkt verschwinden, nur weil wir uns vollständig auf eine Varroaresistenz bis 2033 fokussieren.
Dieser Artikel soll somit zum Nachdenken anregen, nicht aber zum Aufregen.




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